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Gedanken über den Religionsbegriff
Über den Begriff der Religion wurde und wird auch und gerade innerhalb des freigeistigen/freireligiösen Spektrums immer wieder diskutiert (siehe z.B. WOD 12/96; 2/97; 1/98). Das ist naheliegend, denn für viele scheint es gar nicht so einfach zu sein, ganz klar und bestimmt auf die Frage zu antworten, was denn eigentlich unter `Freireligiös' zu verstehen ist: Das liegt an vielem - das liegt aber auch an dem Bergriff selbst. Unter `religiös´ können sich die meisten ja auch etwas vorstellen und dann wird an Beten, an Glauben, an Frömmigkeit, an kultische Gebräuche und im übergeordneten Sinn beispielsweise an das Christentum oder an den Islam gedacht. Wir können dann darlegen, daß uns mit alldem gar nichts verbindet. Und die zwangsläufige Schlußfolgerung wäre dann wiederum, daß wir also nicht religiös sind, daß wir keine Religion haben - daß wir frei sind von Religion -, aber ganz so scheint es ja denn doch nicht zu sein, wenn in freireligiöser Erklärungsnot der markante Satz fällt, daß man zwar` frei in der Religion, aber nicht frei von Religion' ist. Klingt wie ein Widerspruch – oder ! ? Zumindest sieht sich derjenige, der etwas über Freireligiöse erfahren will, bei dieser Erklärung oftmals gelinde gesagt ,verwirrt'. Für die Verwirrung kann zumeist weder er selbst noch können Freireligiöse etwas dafür, denn die Verwirrung ist die Folge einer kulturellen Prägung: einer Prägung durch 2000 Jahre Christentum. So wie das Christentum beispielsweise die jahreszeitlichen Feste mit seinen Glaubensinhalten in einer Weise überstülpt hat, daß die ursprüngliche Bedeutung etwa der Weihnacht oder des Osterfestes kaum noch ins Bewußtsein tritt, so hat es auch den Begriff der Religion sehr einseitig und so nachhaltig besetzt, daß allein bei der bloßen Erwähnung des Religionsbegriffs dem einen und anderen Freidenker ein Schauer über den Rücken fährt. Tatsächlich aber hat Religion in seiner ursprünglichen Bedeutung gar nichts mit den geläufigen Dogmen der christlichen Kirche, hat nichts mit Glauben an ein wie immer geartetes Jenseits und hat gar nichts mit einer personifizierten Gottheit zu tun. Der Begriff selbst stammt aus dem Lateinischen, und es gab ihn schon lange bevor es das Christentum gab. Cicero, der im 1. Jhd. v. u. Z. lebte, leitet den Begriff von religere ab, was ganz allgemein soviel bedeutet, wie die gewissenhafte Berücksichtigung all dessen, was uns umgibt, und die Sorgfalt und die Gewissenhaftigkeit in der Betrachtung. Der Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung hat dabei mit Objektivität und Subjektivität, hat mit anderen Worten etwas mit Verstand und er hat etwas mit dem (inneren) Gefühl zu tun. Das klingt jetzt etwas kompliziert, ist im Grunde genommen aber ganz einfach, und ich will es Ihnen an einem Beispiel verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, sie lebten nicht im Heute, sondern sie wären mit Fellen bekleidet vor sagen wir mal 30.000 Jahren in der Vergangenheit; als Ort wählen wir die Vereinigten Staaten von Amerika. Sie sehen nicht einen Wirbelsturm, sondern gleich 10 oder 20 - so wie es des öfteren auch der Fall ist ; sie sehen wie die Wirbelstürme ihre Behausungen vernichten, sie sehen die Zerstörungen und sie machen, daß sie wegkommen, weil sie nicht selbst zu Schaden kommen wollen (das nennen wir einmal die verstandesgemäße, die sehende Berücksichtigung der Dinge, die uns umgeben). Sie sehen aber auch die Not und die Einzelschicksale. Ihr inneres Empfinden ist angesprochen, und es ist auch angesprochen, weil sie sich die Wirbelstürme nicht erklären können: sie sind eine übermenschliche, sie sind eine geheimnisvolle Macht. Religion im eigentlichen Sinne des Wortes umreißt genau diese Auseinandersetzung des Menschen mit einer `geheimnisvollen Macht' - und sie umreißt streng genommen die Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst, mit der Natur und der Suche nach den Antworten auf all die Fragen, die sich uns bei der Betrachtung der Dinge stellen, die uns umgeben. Heute wissen wir, wie Wirbelstürme entstehen, können rational, d.h. verstandesgemäß, viele Dinge genauer erfassen als vor 30.000 Jahren. Aber nach wie vor gibt es viele Dinge, die wir auch heute nicht rational klären können und dazu gehört vor allem die spezifisch menschliche Sehnsucht nach Unsterblichkeit und die damit verbundene Auseinandersetzung mit der Fragestellung, die über die eigene Endlichkeit hinausgeht - die Frage nämlich: was bleibt von mir nach meinem Tod ? Vor dem Hintergrund dieser Frage und basierend auf dem Nicht-Wahr-Haben-Wollen der eigenen Endlichkeit und dem Herausnehmen des Menschen als Teil der Natur; basierend auf dem Exklusivitätsgedanken, daß zwar jedes andere Wesen der belebten Natur dem evolutionären Geschehen des Werdens und Vergehens unterworfen ist, nicht aber der Mensch selbst - genau auf dieser letztendlich forcierte, ausgenutzte und instrumentalisierte Sehnsucht gründen denn ja auch alle Religionen im heutzutage klassischen Sinn. Das aber hat mit Religion im ursprünglichen Sinn des Wortes gar nichts zu tun. Und so können wir als Freireligiöse sehr wohl sagen, daß wir frei in der Religion sind, aber nicht frei von Religion. Und das `frei sein in Religion' das war kein Gottesgeschenk, sondern es wurde von Menschen erstritten: zumeist gegen den Widerstand der christlichen Kirche. Aus dem in Kürze Dargelegten ergibt sich, daß kein Mensch religionslos sein kann, denn jeder Mensch ist ein religiöses Wesen, wie es Helmut Soeder einmal sinngemäß ausgedruckt hat (in: Wissen statt Glauben, Windeck/Sieg 1999, S. 57 f.). Religion ist das Ahnen oder Wissen um das Lebensziel und unterscheidet sich von Mensch zu Mensch nicht nach seiner Qualität, nicht nach dem, was es eigentlich ist, sondern es unterscheidet sich lediglich durch die Intensität und durch die Klarheit, mit der sich ein Mensch fragt und hinterfragt und zwar auf der Grundlage seiner ganz persönlichen und intellektuellen Fähigkeiten. Das Wort Religion kann keinen Plural oder einen Artikel haben, ohne daß daraus ein ganz anderer Sinn entsteht. Das ist ebenso wie bei dem Wort `Verstand´ oder `Geist' - eine universalen Kraft. Versieht man Geist mit einem Artikel, also `Der Geist´ oder `Die Geister´, dann handelt es sich um Spukgestalten. Die `Religion´ und `Die Religionen´, auch das ist in vielem Spuk ! Religion selbst ist umfassend, ist unteilbar und niemals richtig oder falsch. Religion ist letztendlich alles, was uns als vernunftbegabte Wesen von den übrigen Wesen der belebten Natur unterscheidet. Und niemand kann eine richtige oder falsche Religion haben (H. Soeder ebd., 57 f.). Von daher kann Schiller in seinem bekannten Wortspiel sagen: Welche Religion ich bekenne ? - Keine von allen, die Du mir nennst: Und warum keine ? - aus Religion ! Und von daher kann auch Johannes Ronge, der Begründer Freireligiöser Gemeinden im 19. Jhd., dem Bischof Arnoldi von Trier sagen: Zeigen Sie, daß Sie seinen Geist und nicht seinen Rock geerbt haben! Und all das kann man sagen, weil der Religionsbegriff allzu oft und eigentlich durchgängig mit einem anderen verwechselt wird: nämlich dem der Konfession. Konfession - zu Deutsch `Bekenntnis´ -, genau das ist es, was eigentlich mit Religion - und zu Unrecht - gleichgesetzt wird. Ich kann mich zum Islam bekennen oder zur katholischen oder protestantischen Konfession, mit all den auferlegten Dogmen, den vermittelten Ängsten und versprochenen Heilserwartungen oder ich kann es auch bleiben lassen und kann trotzdem religiös sein. Zeigen wir, daß wir eben nicht nur einen Rock geerbt haben ! © Dr. Holger Behr
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